1. – 4. Schuljahr

Chancen und Herausforderungen von Bilderbuch-Apps

Mechthild Dehn im Gespräch mit Alexandra und Michael Ritter
Mechthild Dehn: Gibt es eine Erfahrung, einen Anstoß für Ihre frühe Aufmerksamkeit auf Bilderbuch-Apps schon vor sechs Jahren?
Michael Ritter: Für mich war es eher eine Fremdheit, eine Distanz; ich habe eher Berührungsängste mit den sogenannten Neuen Medien. Im Zusammenhang eines Vortrags ergab sich eher zufällig die Notwendigkeit, sich dieser Spielart der Literatur zuzuwenden, und das hat einige Faszination ausgelöst.
Alexandra Ritter: Ich finde neue Entwicklungen immer sehr spannend; gerade auch im digitalen Bereich. Nun werden die Bilderbuch-Apps die klassischen Papierbilderbücher nicht ersetzen, sondern den Markt ergänzen. Mich interessiert in diesem Zusammenhang besonders, wie digitale Bilderbücher mit dem Bilderbuchstoff umgehen; was sie können, was Papierbilderbücher nicht können.
MD: Der theoretische Anspruch Ihres aktuellen Forschungsprojekts ist, die Digitalisierung zu betrachten „als kulturelle(n) Transformationsprozess, der eine neue Form der Schriftkultur hervorbringt (Orland/Ritter 2019, S. 173).
MR: Das klingt abstrakt und man muss das auf zwei Ebenen betrachten. Konkret geht es erst einmal um die Frage, welche besondere literarische Substanz digitale Bilderbücher aufweisen und wie diese in Lesegesprächen von Kindern und Erwachsenen gemeinsam erschlossen werden kann. Dahinter steht die Frage, wie sich dabei das Lesen als kulturelle Praxis in digitalen Medien ganz grundsätzlich verändert. Das ist nicht im Rahmen eines Forschungsprojektes zu beantworten. Hier brauchen wir viele Puzzleteile, die das Bild einer sich weiterentwickelnden Lesetradition zusammensetzen.
MD: Erste Einblicke können wir gewinnen mit zwei Beispielen aus Ihren Fallstudien (2016 und 2019) zu den digitalen Bilderbüchern „Die große Wörterfabrikund „Lindbergh (Abb. 1 ). Für mich ist interessant zu erfahren, warum Sie zwei schriftaffine Bilderbücher ausgewählt haben; die Bilderbuchseite bleibt in der App immer dominant, auch bei den Filmsequenzen, den Accessoires, auch den akustischen Elementen.
AR: Wir haben diese beiden Bilderbuch-Apps gewählt, weil sie nah an der Bilderbuchvorlage entlang eine Geschichte erzählen und damit vergleichbar sind; und weil sie uns literarästhetisch anspruchsvoll erscheinen. Zugleich stellen sie unterschiedliche Spielarten von Apps dar. Während bei der „Wörterfabrik die interaktiven Angebote wie z.B. die Wörterspiele manchmal von der eigentlichen Geschichte wegführen, indem sie die Szenen atmosphärisch ausgestalten (Abb. 2 ), sind die Animationen bei „Lindbergh sehr eng mit der Erzählung verknüpft.
MD: Sie haben zunächst (2016) zwei Kinder beobachtet bei deren Rezeption des Bilderbuchs und der App „Die große Wörterfabrik und ihnen eine Beobachterin beigestellt, die nicht weiter eingreift. Die beiden Kinder, die von sich behaupten, dass sie App-versiert sind, können den Clou der Liebesgeschichte bei ihrer App-Nutzung nicht erkunden und sind enttäuscht. Erst beim zweiten Mal gelingt es ihnen zu erfahren, welches Wort sich Paul aufgespart hat für einen ganz besonderen Tag „nochmal.
AR: Das hat uns auch erstaunt. Wir hatten uns eigentlich auf das literarische Verstehen der Kinder konzentrieren wollen, aber dann waren erst einmal technische Fragen für die Kinder wichtig. Sie hatten nicht durchschaut, dass man zuerst den Text wegschieben muss und erst dann die Animationen aktiviert werden können. Sie haben sich lange am Überblicksmenü orientiert, aber sie sind nicht auf die Ebene gekommen, auf der sie sich die Animationen erschließen konnten. Diese Beobachtung ist sehr wichtig. Ein Buch zu lesen, ist technisch eine einfache Sache. Seiten werden geblättert, die Aufteilung von Bild und Text ist sehr stark kulturell standardisiert, selbst wenn es da auch Varianten gibt. Bei den Apps ist das viel offener. Lesende müssen erst durchschauen, wie das konkrete...

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