2. – 4. Schuljahr

Lis Schüler | Mechthild Dehn | Daniela Merklinger

„Und …“ am Satzanfang?

Erfahrungsbericht und Kommentar von Dagmar Moraw

Während der wöchentlichen Lesestunde, die ich mit meiner 3. Klasse in der Schulbücherei verbringe, kommen die Schülerinnen und Schüler immer wieder zu mir, um sich Unterstützung beim Erlesen eines schwierigen Wortes zu holen oder mich nach der Bedeutung eines Wortes zu fragen. Dilan fragt häufig. Sie ist eine kontaktfreudige Schülerin, die sich mit dem Lesen noch immer schwer tut.
Heute hat sie als Lektüre „Wo die wilden Kerle wohnen von Maurice Sendak ausgewählt. Sie zeigt mir eine Seite mit dem Satz „Und plötzlich war da ein Meer …“, blättert weiter bis zu „Und als er dort ankam …“, dann zu „,Und jetzt, rief Max …“ sowie zu den drei weiteren Textstellen, an denen ein Satz mit Und beginnt. „Wir haben doch gesagt, dass Sätze nicht mit Und anfangen dürfen! sagt sie mit hörbar empörter Stimme. „Der Autor …“, sie blättert und spricht den Namen mühsam aus, „der macht das andauernd! Ich geh und überleg, wie man das anders schreiben kann.
Ich bin sehr überrascht. Maurice Sendaks „Wo die wilden Kerle wohnen ein internationaler Klassiker der Kinderliteratur. Und Dilan stellt das Und am Satzanfang in Frage! Die Situation ist auch deshalb erstaunlich für mich, weil Dilan sich unterrichtliche Inhalte häufig nicht gut merken kann. Ich sage ihr, dass sie das richtig beobachtet hat, und frage, ob sie sich daran erinnern kann, dass wir auch in den Autorenrunden, in denen wir über Texte der Kinder sprechen, immer mal wieder über die Verwendung von und und und dann gesprochen haben: Dass es uns manchmal gestört hat, manchmal aber auch nicht. Daran kann Dilan sich nicht erinnern. Ich lese ihr den Text noch einmal vor. Beim Zuhören findet sie das Und auf einmal nicht mehr störend. In solchen Situationen sagt sie ihre Meinung, wenn sie abweicht, immer sehr selbstbewusst. Aber sie bleibt dabei, dass sie überlegen will, wie sie den Text umformulieren kann. Dilan hat den Text von Sendak meines Wissens nicht umgeschrieben.
Kurze Zeit später ist ein Text in der Autorenrunde Thema, in dem eine Schülerin vom Warten beim Arzt schreibt und von ihrer Angst, eine Spritze zu bekommen. Dies ist der Anfang des Textes:
Der erste Satz benennt Figur und Thema. Die folgenden Sätze beginnen mit dem Personalpronomen sie. Im gemeinsamen Austausch über den Text wird deutlich, dass diese Wiederholungen zu dem Gefühl der Langeweile beim Warten auf den Arzt passen, also zum Inhalt des Textes und zum Ziel des Autorenkindes. Das Fazit des Gespräches ist, dass „langweilige Satzkonstruktionen auch gezielt eingesetzt werden können, um eine bestimmte Wirkung beim Leser hervorzurufen. An dieser Stelle meldet sich Dilan und sagt: „Das ist ja wie bei und. Das soll man ja auch eigentlich nicht schreiben. Aber manchmal ist es auch gut.
Dagmar Moraw ist Lehrerin an der Grundschule
Geschwister Scholl in Neuwied/Rheinland-Pfalz.
Kommentar
Sätze dürfen nicht mit und anfangen So rezeptartig haben wir das nicht besprochen. Ich arbeite seit dem 1. Schuljahr mit den Autorenrunden von Beate Leßmann, in denen eigene Texte der Schülerinnen und Schüler vorgelesen werden. Dabei geht es u.a. darum, über besondere Formulierungen, die den Zuhörenden auffallen, ins Gespräch zu kommen. Welche Wirkung haben die sprachlichen Mittel auf das Publikum? So ist eine Formulierung wie ‚sonnengereifte, frisch geerntete, aromatische Tomaten eher angemessen für einen Werbetext als für die Zutatenliste in einem Rezept.
Mir fällt ein, dass ich vor einiger Zeit das Schreiben von Rezepten im Sinne „klassischer Aufsatzerziehung erarbeitet habe. Die „wechselnden Satzanfänge waren ein vorgegebenes Kriterium, auf das wir oft zu sprechen kamen. In den Autorenrunden das ist mein Eindruck ist die Auseinandersetzung deutlich differenzierter. Gleiche Satzanfänge sind auch hier immer wieder mal Thema. Ein Schüler hat zum Beispiel ein...

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