1. – 4. Schuljahr

Hans Brügelmann

„Einheitliche Lebensbedingungen?

Die Klagen sind bekannt: Wer mit Schulkindern von einem Bundesland in ein anderes umzieht, seien es auch nur 20, 30 Kilometer über die Landesgrenze hinweg, z.B. von Niedersachsen nach Hessen, der muss sich auf neue Welten einstellen: andere Schulbücher, andere Sprachenfolge in den weiterführenden Schulen, manchmal ganz andere Fächer oder gar Schulformen und dann die Sprünge in den Leistungsanforderungen. Da klingt es einleuchtend, ein Bundeskultusministerium zu fordern, das bundeseinheitliche Lehrpläne erlässt.
Aber lassen sich damit „einheitliche Lernbedingungen herstellen?
Man macht ja leider ähnliche Erfahrungen, wenn man innerhalb eines Bundeslands umzieht oder die Schule auch nur in derselben Stadt wechseln muss. Selbst dann können andere Schulbücher notwendig werden. Und die Leistungsanforderungen variieren oft schon in derselben Schule von Lehrerin zu Lehrer so stark, dass die Unterschiede nicht durch Lehrplanvorgaben erklärbar oder gar veränderbar erscheinen.
Rechtlich lassen sich eben nur Grobstrukturen festlegen. Das, was den Unterricht und seine Wirkungen ausmacht, hängt von den Lehrpersonen ab und von den Bedingungen vor Ort, vor allem von der Zusammensetzung der Lerngruppe und ihrem sozialen Umfeld.
Damit kommen die sozio-ökonomischen Lebensbedingungen in den Blick und die Forderung des Art. 72 des Grundgesetzes, bundesweit die „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse [nicht „Einheitlichkeit!] zu gewährleisten.
Doch diese unterscheiden sich in der Realität erheblich. So kommen manche Kinder ohne Frühstück in die Schule, anderen fehlen Materialien, die im Unterricht benötigt werden, viele können nachmittags nicht auf Unterstützung bei den Hausaufgaben rechnen. Aus Lehrersicht sind das Lerngruppen, in denen Probleme beim Zusammenleben, eine schwach ausgeprägte Selbstständigkeit und Arbeitsbereitschaft, aber auch unzureichende Sprachfähigkeit das fachliche Lernen so erschweren, dass vorgegebene Bildungsstandards und Lehrplananforderungen wie eine Chimäre erscheinen. Das ist gerade erst wieder deutlich geworden in den Ergebnissen des IQB-Bildungstrends 2016. Die Schülerleistungen in Stadtstaaten wie Berlin und Bremen lassen sich nicht an denselben Maßstäben messen wie in Bayern oder Sachsen.
Gleiche Rahmenvorgaben werden ungleichen Lebensbedingungen nämlich nicht gerecht. Nicht umsonst praktizieren einige Bundesländer bei der Mittelzuweisung inzwischen eine „positive Diskriminierung. Schulen, die unter besonders belastenden Umständen arbeiten, erhalten zusätzliches Personal oder höhere Stundendeputate.
So wichtig das ist es reicht nicht, wenn der Arbeitsmarkt leer gefegt ist und Kolleginnen und Kollegen lieber in Schulen gehen, in denen der Alltag leichter erscheint. Also müssen wir die Arbeit in besonders belasteten Schulen attraktiver machen. Um die Zusatzaufgaben und die besondere persönliche Belastung zu honorieren, hat Bremen zum Beispiel die Unterrichtsverpflichtung der Lehrerinnen und Lehrer in Schulen mit besonders hohem Sozialindex reduziert. Angesichts der knappen Personaldecke allerdings eine zweischneidige Maßnahme. Insofern sind Leistungszulagen, Assistenzkräfte, Zusatzbudgets für die Schule und vor allem eine bessere Ausstattung des Ganztags realistischere Alternativen.
Aber all das kostet Geld mehr, als arme Länder und Kommunen aufbringen können.
Und damit kommt der Bund doch wieder ins Spiel. Nicht als Garant einheitlicher Lehrpläne und Tests, aber als Unterstützer von Sonderprogrammen zur Förderung von Kindern aus schwierigen Lebensverhältnissen und zur Unterstützung ihrer Schulen. Das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern im Grundgesetz zu verankern, war ein Pyrrhussieg der Förderalisten und eine Niederlage für alle, die einigermaßen gleichwertige Lern- und Lebenschancen nicht nur in Sonntagsreden beschwören. Der Streit über Zuständigkeiten muss ein Ende haben.
Es geht um Kinder, deren Zukunft...

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