1. – 4. Schuljahr

Mechthild Dehn im Gespräch mit Kaspar H. Spinner

Ein anderes Begreifen

Mechthild Dehn: Was halten Sie persönlich und in wissenschaftlicher Perspektive für ein besonders faszinierendes Phänomen Ihrer Arbeit?
Kaspar H. Spinner: Die Entwicklung des literarischen Verstehens vom Kind bis zum Erwachsenen, das hat mich immer fasziniert, das habe ich auch untersucht.
MD: Für mich sind in Ihren Schriften vier Begriffe zentral:Identität, Imagination, ästhetisches Lernen und literarisches Lernen. Was Sie eben gesagt haben, umfasst ja alle vier Begriffe.
KS: Ja. Das ist mir wichtig, dass gerade und insbesondere die Beschäftigung mit Literatur viel mit Identitätsauseinandersetzung zu tun hat. Mir ist wichtig, dass Lehrerinnen und Lehrer sich dessen bewusst sind und einen Unterricht machen, der dafür Raum lässt d.h. einen Unterricht, bei dem nicht nur irgendwelches Wissen beigebracht wird, sondern einen Unterricht, bei dem eine persönlich motivierte Auseinandersetzung mit dem Text für die Schülerin/den Schüler angeregt wird.
MD: Mit dem literarischen Lernen als zentralem Begriff haben Sie sich ausführlich 2006 befasst. Der Begriff ist geradezu prominent geworden, wird überall zitiert. Er umfasst elf Aspekte, u.a. „Vorstellungen entwickeln, „subjektive Involviertheit undgenaue Wahrnehmung miteinander ins Spiel bringen,„mit dem literarischen Gespräch vertraut werden.
2015 haben Sie dazu eine Ergänzung geschrieben. Darin heißt es: „Mir schwebt [zum literarischen Lernen] am ehesten das Bild vor,wie ein Tropfen oder Gegenstand ins Wasser fällt, also eintaucht,so wie ein Leser in die Imagination eintaucht, und sich dann Wellen in konzentrischen Kreisen ausdehnen, wobei die letzte Welle,der historische Blick, sich in die Weite verliert.
KS: Ein etwas poetischer Satz, der mir wichtig ist. Diese letzte Welle, der historische Aspekt, kann im Grundschulunterricht erst angebahnt werden. Man macht ja noch nicht Literaturgeschichtsunterricht, aber trotzdem kann die historische Dimension eine Rolle spielen, zum Beispiel, wenn wir über Märchen reden.
MD: Wieso gerade die historische Dimension beim Märchen?
KS: Zunächst einmal ist es so, dass das Märchen für die Grundschule eine wichtige Gattung ist. Es ist eigentlich erstaunlich, dass Märchen, die relativ alt sind und auch sprachlich durchaus in Manchem fremd sind, so gut ankommen bei den Kindern. Hier haben die Kinder zu einem historischen Phänomen eine intensive Beziehung. Deshalb bietet es Anlass, darüber nachzudenken, zum Beispiel über so simple Dinge, ja was kommen da für Wörter vor, Wörter, die wir gar nicht mehr brauchen. So beginnt historisches Nachdenken bei den Kindern.
MD: Und die Identitätsproblematik ist in den Märchen außerordentlich naheliegend, weil Grundbedürfnisse und -probleme darin verhandelt werden.
KS: Ja. Mir ist ja immer wieder wichtig in meiner Arbeit, dass ich Lehrerinnen und Lehrern bewusst mache, wie viel wie es in der psychologischen Forschung genannt wird an Entwicklungsaufgaben in der Literatur verarbeitet wird. Entwicklungsaufgaben sind Anforderungen, die sich dem heranwachsenden Kind stellen und mit denen es sich auseinandersetzt. Literatur hat ganz viel damit zu tun, dass in ihr elementare Entwicklungsaufgaben zur Geltung kommen für jede Altersstufe.
MD: Können Sie spezifizieren:Was sind Entwicklungsaufgaben der Grundschulkinder?
KS: Man kann es am besten an einzelnen zentralen Beispielen erläutern. Eine Entwicklungsaufgabe beim Heranwachsen ist die Fähigkeit, mit Ungewohntem, Fremdem umzugehen. Das beginnt bereits beim Kleinkind, wenn es sich von der Hand der beschützenden Person löst, wegläuft und dann wieder zurückkommt. Ein ganz elementarer Prozess. Das geht immer weiter. Literatur handelt ständig davon. Das Grundmodell der Narration ist ja der Held, der aus dem Betreuten, dem Vertrauten auszieht und sich dem Neuen, dem Ungewohnten aussetzt. Das ist eine Grundaufgabe von Kindern: Allein in einer Schulklasse zu sein, ist zum...

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